Mediale Präsenz: Spitzenpolitikerinnen liegen vor Managerinnen
zwd Berlin (nk). Frauen sind in den Medien gegenüber Männern immer noch stark unterrepräsentiert. Nach einer Medienanalyse von Prof. Margreth Lünenborg (Freie Universität Berlin), die am 21. Juni in Berlin vorgestellt wurde, ist nicht einmal jede fünfte Person (17%) aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, über die berichtet wird, weiblich. Jedoch zeigte Lünenborg in spezifischen Bereichen unterschiedliche Entwicklungen auf: Während das mediale Bild der Wirtschaft nahezu vollständig von Männern geprägt ist (Frauenanteil 5%), werden in der Politik auch weibliche Funktionsträgerinnen sichtbar (20%).
Spitzenpolitikerinnen der Bundesebene kommen im Vergleich zu ihren Kollegen in den Medien auf einen Anteil von 30 Prozent. Angela Merkel (CDU) nimmt hierbei einen wesentlichen Anteil ein. Allein 18 Prozent der medialen Nennungen – in Fernsehen, Zeitungen und Zeitschriften – entfallen auf Merkel. Die Kanzlerin sei in den Medien omnipotent, so Lünenborg in ihrem Vortrag vor Vertreterinnen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Medien. Anhand dieses Ergebnisses kommt die Wissenschaftlerin zu der Schlussfolgerung, dass die Kanzlerinnenschaft Merkels die medialen Geschlechterverhältnisse positiv verändert und die Sichtbarkeit von Frauen auf der Ebene der Spitzenpolitik fördert.
Merkel ist „einsame Spitze“
Allerdings wies Lünenborg auch auf die Kehrseite der Medienpräsenz von Merkel hin. Andere Spitzenpolitikerinnen blieben weit hinter der medialen Sichtbarkeit von Merkel zurück. Sie kommen zusammen auf einen Anteil von nur 12 Prozent Mediennennungen gegenüber 70 Prozent für ihre Kollegen. „Merkel ist einsame Spitze“, so das Fazit der Publizistik- und Kommunikationswissenschaftlerin.
Künast bezeichnet Merkel als „seltsames geschlechtsloses Wesen“
Die Vorsitzende der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, Renate Künast, äußerte Zweifel an der Aussage der Berliner Wissenschaftlerin, dass seit der Kanzlerinnenschaft von Merkel Politikerinnen in den Medien mehr Aufmerksamkeit erhielten und sich dadurch die Situation der Frauen gebessert habe. Nach der Auffassung der Grünen-Politikerin stelle sich Merkel nicht als Frau, sondern als „seltsames geschlechtsloses Wesen“ dar, das die politischen männlichen Machtspiele beherrsche. Frauen hingegen, die sich nicht den männlichen Machtstrukturen unterordnen können und wollen, hätten immer noch deutlich weniger Chancen in der Politik als Männer, kritisierte Künast weiter. So stehe die Frauenpolitik nach wie vor am Anfang, und müsse durch entsprechende Frauenquoten vorangetrieben werden. Dann könnten auch die Medien in der Berichterstattung auf mehr Frauen zurückgreifen.
Geschlechterzuschreibungen in der Wissenschaft
Prof. Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums für Sozialforschung Berlin (WZB), schaltete sich in die Diskussion über die mediale Berichterstattung von Spitzenfrauen mit der Kritik ein, dass selbst inhaltliche Meldungen geschlechterstereotypisch dargestellt werden. Bezogen auf ihre eigene Person nannte sie die Nachricht mit folgendem Wortlaut: „Allmendinger, eine fröhliche Frau, die als Chef durchaus härter sein kann“. Niemand würde ähnliches über eine männliche Führungskraft schreiben, selbst wenn er sich noch so freundlich im Umgang verhalte, betonte die Soziologin.
Ferdos Forudastan, Journalistin beim Westdeutschen Rundfunk (WDR) und Deutschlandfunk (DLF), gab zu Bedenken, dass Frauen zu politisch polarisierenden Statements seltener bereit seien als ihre Kollegen und daher für die Berichterstattung als weniger attraktiv gelten. Allerdings hält Forudastan es auch für notwendig, dass der journalistische Nachwuchs in der geschlechtersensiblen Berichterstattung geschult wird, damit Spitzenfrauen in der Berichterstattung häufiger als bisher auftauchen. Hierbei dürften Frauen mit Migrationshintergrund nicht vergessen werden.
Quelle: http://www.zwd.info




