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02.02.10

Jobwelt der Zukunft: Einmal an der Uhr gedreht

Weiblicher, flexibler, anstrengender: In 20 Jahren wird die Arbeitswelt kaum wiederzukennen sein. Wer gewinnt, wer verliert - und wer keine Chance mehr hat.
 
Für Max Planck wäre die Veranstaltung wohl ein Graus gewesen. Der Physiker hielt weibliche Neigung zur Wissenschaft für "widernatürlich", Frauen duldete er nur ausnahmsweise in seinen Vorlesungen. Und jetzt blickten ausgerechnet Frauen in seinem Namen in die Zukunft der Arbeit, ins Jahr 2030. Eingeladen nach Berlin-Dahlem hatten die Max-Planck-Gesellschaft und die Europäische Akademie für Frauen in Politik und Wissenschaft (EAF), eine gemeinnützige Organisation, die sich der Chancengleichheit verschrieben hat. Die Kernfragen der Konferenz: Wer wird 2030 welcher Arbeit nachgehen? Wie verändern sich die Inhalte, Anforderungen, Qualifikationen? Wird es genug Jobs für alle geben oder gar zu viele? Gefühlte 95 Prozent der Teilnehmer waren weiblich - die meisten in leitender Funktion in Wissenschaft und Forschung, Politik und Unternehmen. Universitäten waren ebenso vertreten wie Versicherungen, Banken und Verwaltungen. Nach zwei Tagen kristallisierten sich vier Szenarien heraus. Für manche sprechen beinharte Fakten, andere bewegen sich im Bereich frommen Wunschdenkens.

Arbeit wird flexibler
Wir befinden uns im Übergang von der Industrie- zur globalisierten Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft. Stechuhren kennt man nur noch aus Museen, Betriebszugehörigkeiten von 20, 30, gar 40 Jahren nur noch aus Ur-Opas Erzählungen. Die Arbeitgeber wechseln genauso häufig wie die Anstellungsmodi, die Arbeitszeiten und das Einkommen. Freiberuflichkeit und befristete Tätigkeiten gehen Hand in Hand. Besonders Männer müssen sich von ihrer Ernährerrolle verabschieden, weil jetzt beide Partner mal Voll-, mal Teilzeit arbeiten, auch weil ein Einkommen nicht mehr ausreicht.

Arbeit bietet mehr Chancen, aber auch mehr Risiken. Es wird mehr Arbeit nach Hause gebracht. Feierabend, Wochenende, Urlaub werden zu einer verhandelbaren Masse, "mit gravierenden Folgen für das Privatleben", warnt Karin Jurczyk, Leiterin der Abteilung Familienpolitik am Deutschen Jugendinstitut in München. Die neue Flexibilität richtet sich nicht nach den Bedürfnissen des Arbeitnehmers, Job und Familie unter einen Hut zu bringen, sondern nach den Bedürfnissen des Arbeitgebers, immer und überall auf seine Angestellten zugreifen zu können. 2030 heißt: mehr Dienstreisen, mehr Pendeln, längere Arbeitswege, aber auch mehr Home Office - mobil und multilokal

Arbeit wird anstrengender

Allein der technologische Wandel macht Arbeit schneller, anspruchsvoller und kurzlebiger. Das Smartphone macht das Lieblingscafé zum Büroersatz. Aber Kunden - und Chefs - erwarten auch, dass man im Café stets zur Verfügung steht. Das Prinzip "anytime, anywhere" bestimmt die Arbeitswelt. "Wir wollen gar nicht 60 Stunden die Woche arbeiten, aber wir müssen", lautet schon heute eine gängige Klage unter Freiberuflern und Führungskräften. Mehr Frauen in Chefsesseln fordert daher Astrid Szebel-Habig, Professorin für Betriebswirtschaftslehre in Aschaffenburg, aus einem simplen Grund: Es führt zu kürzeren Arbeitswochen - für alle. "Sitzungen, die Frauen leiten, sind schneller zu Ende. Männer nutzen Meetings zu ausufernden Selbstdarstellungen, Frauen denken pragmatischer und arbeiten effizienter, schon deshalb, weil sie irgendwann nach Hause müssen, wo Haushalt und Familie warten", sagt Szebel-Habig.

Arbeit wird qualifizierter

Derzeit gibt es 44 Millionen Erwerbstätige in Deutschland, im Jahr 2030 werden es je nach Prognose zwischen 37,5 und 39,4 Millionen sein. Gleichzeitig wachsen die Anforderungen an die Mitarbeiter: Sie müssen bereit sein zu lebenslangem Lernen. Schon jetzt herrscht in vielen Branchen Fachkräftemangel (zum Beispiel im Ingenieurwesen und in der IT), während Geringqualifizierte kaum noch zu vermitteln sind. Früher fanden selbst Hauptschulabbrecher noch einfachste Jobs, inzwischen werden auch von Aushilfskellnern und Lageristen Computerkenntnisse verlangt.

Der Arbeitsmarkt wird sich weiter spalten in Unqualifizierte ohne Aufstiegschancen und begehrte Fachkräfte. Weil wegen des demographischen Wandels aber immer weniger Mitarbeiter zur Verfügung stehen, müssen diese nicht nur länger arbeiten (Rente mit 70?!), sondern sie können ihren Arbeitgebern auch mehr abverlangen: Kaffeeservice am Schreibtisch etwa, kostenlose Massagen, Kinderbetreuung, ein Verwöhnwochenende im Wellnesshotel - Dinge, die führende Hightech-Firmen schon längst im Programm haben. "Nur Unternehmen, die bei ihren Mitarbeitern für die richtige Work-Life-Balance sorgen, haben eine Chance, geeignete Mitarbeiter zu finden", sagt Szebel-Habig voraus.

Quelle: www.sueddeutsche.de, Viola Schenz, 31.01.2010