• Deutsch
  • English
  • Français
02.07.08

Die Kinder- und Karriere-Paare: Sie engagieren sich im Beruf und brauchen zugleich Zeit für ihre Kinder. Für ihre Arbeitgeber ist Anwesenheit meist wichtiger als Leistung

aus: "Handelsblatt" vom 16.05.2008

Da die gemeinsame Zeit knapp ist, kommt es für Familie Wortig auf jede Minute an. Jeden Morgen zwischen sechs und sieben Uhr kommen alle vier im elterlichen Ehebett zusammen. „Es gehört zu unseren Ritualen, dass wir morgens kuscheln und uns beim Frühstücken unterhalten", erzählt Mut­ter Katja Kamphans. Den Rest des Ta­ges geht jeder der Familie eigene Wege - denn Vater und Mutter machen Kar­riere. Kamphans, Marketingleiterin beim Versicherungsmakler Marsh, fährt mit dem Auto in den Frankfurter Süden, der neunjährige Sohn geht in die Schule und Vater Christoph Wor­tig, ein Geschäftsführer der Deut­schen Bank, bringt den Zweijährigen in die Kita. Abgeholt und betreut wer­den die Kinder dann von einer ange­stellten Kinderfrau - bis ein Elternteil abends um sieben Feierabend macht.

Kamphans und Wortig gehören zu dem modernen Typus Paar, von denen beide gut ausgebildet sind, keiner auf eine Karriere verzichten will, für die Kinder aber auf jeden Fall dazugehö­ren. Fakt ist: Mit ihrem Lebensmodell sind die Doppelkarrierepaare mit Kin­dern sehr zufrieden - obwohl sie dafür einen hohen Preis zahlen. Das zeigt eine Studie der Berteismann-Stiftung, in der fast 1200 Frauen und Männer befragt wurden, die als Paar mit Kindern leben und von denen beide eine Fach- oder Führungsposition ausüben. Allein die Kinderbetreuung kostet die Wortigs etwa fast 2 000 Euro im Monat. Doch nicht nur die finanziel­len Opfer der Karriereeltern sind enorm. Beide müssen ein Höchstmaß an Einsatzbereitschaft mitbringen und Meister im Zeitmanagement sein. Jeder Zweite wünscht sich eine bessere Balance zwischen Beruf und Familie. Gerade die Eltern mit Doppelkar­riere sind auf das Entgegenkommen ih­rer Arbeitgeber angewiesen - insbe­sondere vom unmittelbaren Vorgesetz­ten. Die Studie belegt: Sie müssen im­mer noch viel Eigeninitiative mitbrin­gen. Obwohl Führungskräfte in vielen Branchen bereite heute heiß um­kämpft sind, kümmern sich die meis­ten Unternehmen nicht um die speziel­len Bedürfnisse dieser Karriere-Paare, so das ernüchternde Ergebnis der Stu­die. Dabei sagen die Paare unisono, dass es ihnen sehr hilft, wenn sie flexi­bel entscheiden können, wann, wie lange und wo sie arbeiten - solange sie ihre Ziele erreichen. Doch jeder Zweite macht die Erfahrung: Für künf­tige Karrierechancen ist ein hohes Maß an täglicher Anwesenheit ent­scheidend. Nur 36 Prozent der Befrag­ten gewährt der Arbeitgeber eine indi­viduelle Flexibilität.

 

Katja Kamphans hat das Glück, dass ihr Vorgesetzter ihr Freiräume einräumt. „Ich werde an meinen Ergeb­nissen gemessen und nicht nach mei­ner Anwesenheit bewertet", sagt die Chefin von sechs Mitarbeiterinnen. „Wird ein Kind mal krank und ich muss um drei nach Hause, ist das kein Problem." Schließlich sei sie per Tele­fon und Blackberry erreichbar. Noch weniger Arbeitgeber allerdings haben realisiert, dass auch Män­ner gleichermaßen wie Frauen Famili­enpflichten übernehmen wollen oder müssen. Der Personalberater Klaus Leciejewski beobachtet: „Firmen vermer­ken zwar positiv, wenn ein Mann mit Anfang 30 Frau und Kinder hat, denn dies demonstriert Verantwortungsbewusstsein. Dass der sich zwangsläufig auch um seine Familie kümmern muss, setzen sie damit aber nicht gleich."

 

Arbeitgeber fahren immer noch eine „Risikovermeidungsstrategie", wie Kajus Rottok, Deutschland-Chef der Personalberatung Ray & Beradtson, es nennt. Sie wollen einen Kandi­daten, der sich voll und ganz dem Job widmet. Ein Bewerber mit einer Partnerin, die Karriereambitionen hat, ma­che die Sache nicht einfacher. Gerade kleinere, alteingesessene Firmen set­zen auf Führungskräfte, die das tradierte Rollenverständnis leben. Ein Manager, dem die Frau den Rücken für die Karriere freihält, ist für Unterneh­men eben bequemer. Zumal dieser viel mobiler und leichter versetzbar ist. Muss eine Führungskraft berufsbe­dingt umziehen, organisiert der Arbeit­geber zwar Umzug oder Sprachkurse für die Familie. Die Suche nach einem gleichwertigen Job für den Partner hin­gegen wird selten unterstützt. „Die Paare schlagen deshalb schon mal ein Angebot zunächst aus oder verzichten auf einen Ortswechsel", berichtet Stu­dienautorin Kathrin Walther von der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft.

 

Ein DualCareerService, wie er der­zeit in der Wissenschaft Einzug hält, ist in Firmen dagegen noch nicht etab­liert. Die Folge: Nicht wenige Eltern mit Karriereambitionen sind gezwun­gen, zumindestens vorübergehend eine Pendelbeziehung zu führen. Schon allein, um den Kindern einen häufigen Schulwechsel zu ersparen. Walther: „Sie wollen kerne Karriere um jeden Preis, vor allem nicht auf Kosten der Kinder." So nehmen die un­tersuchten Paare Auszeiten oder redu­zieren ihre Arbeitszeit. Interessant: Es sind nicht automatisch Frauen, die der Kinder wegen zurückstecken. Die Kunst der Paare besteht darin, immer wieder neu zu verhandeln, wer welche Stufe der Karriereleiter nimmt

 

„Mein Mann macht zurzeit eine la-Karriere, ich dagegen eher eine Ib-Laufbahn", erzählt Nina Wessels. Die promovierte Ökonomin hat ihre Beraterkarriere an den Nagel gehängt und arbeitet nun als Director Recruiting bei McKinsey. Zurzeit nimmt sie eine halbjährige Auszeit, um mehr Zeit mit ihren Kindern, zwei und vier Jahre, zu verbringen. Ihr Mann Joachim ist Bereichsvorstand der Deutschen Post. Nina Wessels ist überzeugt, dass sie ei­nen Mütterbonus gewährt bekommt. Die Studie bestätigt: Väter in Führungspositionen haben es deutlich schwerer, Beruf und Familie zu vereinbaren. Von ihnen verlangen Arbeitgeber noch stärker bedingungslose Ein­satzbereitschaft. Nur 29 Prozent der Befragten denken, dass ihr Unterneh­men Väter unterstützt, die Familienpflichten übernehmen wollen. Umso wichtiger sind Doppelkarrie­repaare mit Kindern als Vorreiter für eine familienfreundliche Unternehmenskultur. Drei Viertel der befragten Führungskräfte sagen, ihr Verständnis für Kollegen und Mitarbeiter mit Fami­lie sei gewachsen. Personalexperte Rottok: „Macht der Chef frei, weil die Tochter Kindergeburtstag feiert, freut das die Kollegen: Weil sie es sich dann endlich auch herausnehmen können."